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Prof. Dr. Ingo Althöfer


Computereinsatz im Fernschach

Im Herbst 1999 habe ich eine Umfrage zum Computereinsatz im Fernschach durchgeführt. Daran haben mehr als 180 Fernschachfreunde teilgenommen, vom Grossmeister bis zur Liebhaberin. 19 Buchpreise wurden unter den Teilnehmern verlost..

Leider ist die statistische Auswertung noch nicht fertig. Aus den persönlichen Anmerkungen und Wünschen der Teilnehmer habe ich jedoch einen ziemlich repräsentativen Teil in der folgenden Aufstellung zusammengefasst. Lustige und komische Bemerkungen hatten dabei eine erhöhte Chance, in die Liste zu kommen.

Wichtig: Dies sind Aussagen von Teilnehmern. Meine eigene Meinung zu manchen Punkten ist eine andere. An einigen Stellen habe ich einen Kommentar dazugeschrieben, gekennzeichnet durch IA: "...".

An der statistischen Auswertung sitzen ein Statistiker und ich weiter dran.

Amici sumus, Ingo Althöfer.



Technische Wünsche zu Schachprogrammen

Konkretes:

Generell einfachere Bedienung

Hauptsache, einfache Bedienung

Leichte benutzerfreundliche Bedienung mit konkreten Hilfen

Vereinfachte Handhabung

Bedienerfreundlichkeit! (Nicht nur Anwendung für "Freaks")

Mehr Benutzerfreundlichkeit für Nicht-PC-Freaks

Störanfälligkeit der Bedienung senken, handlichere Bedienbarkeit herstellen

Bessere Gebrauchsanweisungen

Bessere, d.h. verständlichere (bzw. unmißverständlichere) Handbücher, damit auch ein Nicht-PC- Freak damit leichter und gut arbeiten kann

Bitte bessere Benutzerhandbücher (aus Papier). Nur das Inlet der CD und die Online-Hilfe reichen nicht.
IA: "Diese vielen Wünsche nach mehr Benutzerfreundlichkeit sind wirklich so geäußert worden, zum Teil auch von Spitzenspielern."


Schnittstellen zu "Office"-Software

Eine einfachere Datenverwaltung

Bräuchte ein komfortables, günstiges Fernschach-EMAIL-Verwaltungs-Programm.

Programme sollten auch Angaben in Fernschach-Notation ermöglichen (5254 ...), um Schreibfehler zu vermeiden.

Farben und Schriftgrößen sollten flexibel einstellbar sein. Bin sehbehindert, hasse Fritz.

Wünsche mir Programme mit Unterstützung von 2-Prozessor-PC's.
IA: "Solche Programme gibt es in der Zwischenzeit. Siehe z.B. Deep Junior."

Warte auf preiswerte Schachbretter für den Anschluss an den Computer, wobei Unterstützung durch die gängigen Engines wichtig wäre, egal ob ChessBase-System oder Millenium-Chess-System.


Ideen für die Zukunft:

Gut wäre eine Fernschach-Toolbox: Alle Features für erfolgreiche Fernschach-Analysen sollten in einer Kiste vereinigt sein.

Unterbrechung bei längeren Analysen mit Zwischenspeicherung der Hauptvarianten (in Hash- Tabellen) sollte möglich sein!

Sämtliche Berechnungen von unnützen oder sofort verlierenden Zügen (nach Meinung des Nutzers) müßte man wegklicken können, auch in weiteren Verzweigungen.

Wünsche mir Schachprogramme, die menschliche Sprache verstehen.



Schachbezogene Wünsche an die Programme

Wenn ein Zug ausgeführt wird, Ausgabe einer genauen Erklärung, warum. Ist wahrscheinlich nicht möglich.

Wünsche mir k-Best-Modus für die Genius-Programme.

Warte darauf, daß alle Programme K-Best-Modus bekommen.

Schlanke, schnelle Taktiker mit nicht zu viel "positionellem Wissen". Da bin ich nämlich immer noch besser.

Verbesserung der Endspielstärke (die Tablebases sind ein erster Schritt)

Endspiele verbessern



Antworten zu:
"Spielen Sie gegen vermutete Schachprogramme beim Gegner ?"

Eigentlich nicht, aber manchmal weiß ich durch Rückfrage bei meinem Gegner, welche Programme er benutzt und dann versuche ich es .

Ja, wenn ich das Gefühl habe, dass der Gegner sich auf den Computer verläßt.

Ja. Es ist relativ schnell klar, ob der Partner die gleichen Programme nutzt wie man selbst.

Nein. Ich bemühe mich aber intensiv, Züge zu finden, die nicht Vorschlag eines Programms sind.

Ich glaube, daß ab Meister-Klasse fast alle Spieler Computer einsetzen. Deshalb spiele ich gerne positionelle Opfer.

Nein, obwohl sicher jeder Spieler der Haupt-Klasse einen besitzt.

Ja, aber nur bei schwachen Gegnern.

Mache ich. Klappt meist auch wegen Horizonteffekt.

Keine Ahnung, bisher spricht kaum jemand darüber, welche Programme er benutzt.

Ob die FS-Gegner Programme benutzen, erfährt man meist erst nach Partieende.



Kommentare von Spielern, die keine Computer einsetzen

Gebt mir das alte Fernschach zurück!

Ich benutze nur meine ca. 110 Schachbücher.

Hilfsmittel im Fernschach machen das Fernschach kaputt. Wenn alle ehrlich wären, sollte man die Gruppen trennen in Spieler ohne und mit Hilfsmittel. Das wäre fair. Ich frage stets meine Fernschach-Mitspieler, ob sie Hilfsmittel einsetzen. Nur wenige sind ehrlich!

Hört auf, lasst die Menschen wieder Schach spielen !!

Ich habe nichts gegen Fernschach-Analysen mit Computer, jedoch lehne ich dies persönlich für mich ab.

Bei einem vermutlich eingesetzten Programm gebe ich die Partie auf, da ein solches ungleiches Spiel Portoverschwendung ist. Erfahrungsgemäß ärgert das diese Westentaschen-Capablancas auch schön.

Bevor ich aufgebe, überprüfe ich manchmal, ob es keine Rettung gibt.

Mein Verbesserungsvorschlag ist, die Computer und die Software für das Fernschach zu sperren, d.h. jede/r FS-Spieler/in gibt bei Teilnahme an einem Turnier eine eidesstattliche Erklärung ab, nichts dergleichen zu benutzen. ... Ich hoffe, Ihre Umfrage dient dazu, dem fairen Fernschach eine neue Chance zu geben...
IA: "Die Idee scheint mir für spezielle Turniere interessant zu sein. Statt "eidesstattlicher Erklärung" würde ich jedoch ein "Ehrenwort" vorziehen. Im übrigen glaube ich, daß computerunterstütztes Fernschach nicht weniger oder mehr fair ist als das traditionelle."

Da ich kein Freund von Computern bin, kann ich Ihren Fragebogen leider nicht zufriedenstellend beantworten...
IA: "Es ging bei der Umfrage nicht darum, nur Antworten einer bestimmten Richtung zu bekommen. So war auch die Rückmeldung dieses Fernschachfreundes für mich informativ und zufriedenstellend."

Einsatz eines Computers beim Fernschach betrachte ich als hinterhältigen Betrug am Fernschachgegner.

Benutze lediglich die 10 Nalimov Endspiel-CD's.

Da man ansonsten keinerlei Kontrolle hat, ob man gegen einen Computer oder gegen einen Menschen spielt, habe ich mich, mit fortschreitendem Einsatz von Computern im Fernschach, von diesem etwas zurückgezogen und spiele überwiegend mit ehemaligen Spielern, von denen ich weiß, daß sie den Computer zumindest gegen mich nicht einsetzen.



Ungewöhnliche Antworten auf die Frage:
"Wer bestimmt den Spielverlauf mehr, Sie oder Ihr Computer?"

Ich (in der Hoffnung, es möge keine Einbildung sein).

Ich. Das erste FS-Turnier, welches ich mit Hilfe von Fritz 3 spielte, wurde ein Reinfall. Seitdem gelegentliche Kontrollfunktion.
IA: "Was auch immer das heißen mag..."

Ich hoffe, ich!



Verschiedene Bemerkungen

Internet, ISDN und Fax lehne ich beim Fernschach ab. Zu streßig für mich.

Sieben Stunden investiere ich für Fernschach pro Woche; früher ohne Computer waren es deutlich mehr.

Habe keine Verbesserungswünsche für die Programme: die Programme sollen "dumm" bleiben.

In der Endrunde der 28. Deutschen Fernschach-Meisterschaft spielen alle Teilnehmer mit PC- Unterstützung.
IA: "Das schrieb ein Teilnehmer in dieser Endrunde."

Wenn ein Fernschachturnier läuft, laufen bei mir zwei Rechner rund um die Uhr.

Eine Antwort auf die Frage nach der benutzten Schach-Software:
"Ich bitte um Entschuldigung - das möchte ich nicht verraten (!)"

Sie können davon ausgehen, daß in der Spitzenklasse (deutsch und europäisch) kein PC-Programm den Spielverlauf bestimmen kann. Ausnahme: Forcierte Mattstellungen. Dies ist meine Erfahrung und ist mir von allen Spitzenspielern, mit denen ich gesprochen habe, auch so bestätigt worden. PC also nur als Datenbank, bzw. zur Grobanalyse: sofort verlierender Zug bzw. Matt.
IA: "Diese Einschätzung der Wirklichkeit teile ich definitiv nicht."

Aus den Aussagen vieler Fernschach-Freunde konnte ich entnehmen, daß ihre Tätigkeit beim Fernschach darin besteht, den Rechner einzuschalten, das Schachprogramm zu starten und nach einiger Rechenzeit die Karte auszufüllen... Mein Sohn lehnt das Spielen mit dem Computer vollständig ab gegen andere Spieler. Seine Meinung ist, daß dann statt seinem Namen als Absender das Schachprogramm eingetragen werden sollte.

Ich wollte eigentlich speziell für Fernschach nie einen Computer nutzen, da ich in ihm eine Einschränkung meiner Kreativität im Spiel mit den Partnern sah! Mußte mich aber überzeugen lassen, daß ohne Nutzung dieses "Monstrums" (trifft nur für Fernschach zu) meine Chancen, eine Partie zu gewinnen, nur noch minimal waren.

Der BDF sollte in seinen Aufstiegsturnieren reine Schachprogramme (ohne menschliche Nachbearbeitung der Zugvorschläge) anonym mitspielen lassen. Dadurch kann dann ersehen werden, wie stark die Schachprogramme heutzutage sind. Vorteile: Zum einen wüßten reine PC- Spieler schon im Voraus wo sie stehen. Zum anderen würde die Diskussion über Schachprogramme gemindert. Denn zur Zeit schwankt die Einschätzung von Meisterklasse bis hin zur 1. Klasse. Es wäre doch interessant, den wahren Leistungsstand herauszufinden.

Da ich ohne Computerkenntnisse (Windows und Programme) angefangen habe, kann ich mir noch keine Meinung bilden. Habe mich alleine (ohne fremde Hilfe, nur mit Handbüchern) etwa ein halbes Jahr eingearbeitet (Feb - Juli 98). Meine Meinung: Fernschach spielen wird leichter! Nicht besser! Man spart sehr viel Suchzeit und kann Analysen überprüfen.

Ich habe mal vier Jahre mit dem Fernschach ausgesetzt, weil mich die Computer nervten. Dann habe ich mich selber elektronisch hochgerüstet und wieder mit Fernschach angefangen... Es macht wieder viel Spaß. Es ist halt eine andere Welt als früher - aber auf anderen Gebieten ist die Zeit ja auch nicht stehengeblieben!

Wenn man erst mit 66 Jahren und ohne Anleitung am Computer beginnt, ist manches ziemlich schwer. Trotzdem macht es Spass und Freude.

Letzte Änderung am 27.04.2000  Webadmin